Staatsfeind Nr. 1

18.03.2014

Zum Samstag um 18.00 Uhr hatte der Grenzdenkmalverein Hötensleben Herrn Wolfgang Welsch eingeladen, der einen Vortrag über sein dramatisches und ereignisreiches Leben hielt. Über den Zulauf an Zuhören konnten wir uns nicht beschweren, die Aula der Grundschule war gut gefüllt. Es war aber leider wie immer, so dass die Hötenslebener und die Einwohner aus dem umliegenden Bördekreis das Angebot nicht annahmen. Die Gäste kamen zum größten Teil aus den westlichen Bundesländern. Dabei ist die Geschichte von Herrn Welsch hollywoodreif. Sie wurde sogar schon verfilmt. Über die Gründe möchte ich nicht spekulieren. Die Tatsache ist jedoch, dass wir die Lesung auf Wunsch schon zeitlich nach hinten verlegten, nach dem Fußball, dennoch kam keiner, außer denen die immer dabei sind. Es wurde kein Eintritt erhoben und das Ambiente in der Grundschule ist, wie auch im Rathaus in Ordnung, um nicht zu sagen professionell. Es wird immer darauf verwiesen, dass die Hötenslebener doch schwierig sind. Für mich ist es unverständlich, denn wir geben uns viel Mühe bei der Auswahl und der Besetzung der Veranstaltungen. Auch die Zeit die wir investieren, ist nicht unerheblich.

Aber zurück zur Veranstaltung. Herr Welsch las nicht aus seinem Buch, er erzählte uns seine Geschichte anhand einer Präsentation, die von Filmausschnitten und Bildern unterlegt war.

Es war zum Teil erdrückend zu erfahren, was in den Gefängnissen der DDR vorging. Alle Anwesenden waren ergriffen und zugleich schockiert. Die reine Isolationshaft war schon unmenschlich, aber was unternommen wurde, um den Willen der Häftlinge zu brechen, war schockierend. Prügel war leider, es hört sich unverständlich an, noch das harmloseste Mittel in einer DDR die Mitglied der Vereinten Nationen werden wollte und leider wurde. Herrn Welsch gelang es schon im Knast, die Informationen zum Teil auf Zigarettenpapier und schon auf künstlerische Art und Weise, nach außen zu spielen. Bruno Apitz beschrieb es schon in seinem Buch „Nackt unter Wölfen“. Jeder der Wärter oder „Vollzugsbeamten“ hat dieses Buch gelesen (Unterrichtsstoff in DDR-Schulen), aber dennoch gelang es Wolfgang Welsch, die Tatsachen, auf diese Art und Weise, wie im Buch beschrieben, nach außen zu spielen. Die bundesdeutsche Presse schrieb aber nicht darüber. Diplomatische Szenarien waren der Grund. Den Rest der demokratischen Welt interessierte es aber. So schrieb die Presse in den USA oder Großbritannien über die Verbrechen. Prügel waren an der Tagesordnung. Die schlimmste Erfahrung für Herrn Welsch war seine fingierte Hinrichtung. Er brauchte Jahre wenn nicht Jahrzehnte, um sich davon zu erholen. Als die Gesundheit von Herrn Welch dem Ende zuging, nach eigenen Aussagen war sie bedrohlich, wurde Herr Welsch von der Bundesregierung freigekauft.

In der „neuen Welt“ wollte aber niemand, etwas von seinen Repressalien wissen, so schlimm es klingt, niemand wollte es. An seiner Uni wurde er sogar beschimpft. Er ging damit zum Spiegel, doch der Chefredakteur war leider auch ein IM (Was Welsch erst nach seiner Akteneinsicht erfuhr) und wiegelte es ab. Eine Ausnahme war Herr Franz Josef Strauß und so lag, auf einmal ein Memorandum auf jedem Tisch der Delegierten der Vereinten Nationen. Herr Welsch organisierte, eigentlich zu Beginn unfreiwillig, die ersten Fluchten aus der DDR. Jede Flucht hat von der Dramaturgie her, einen Film verdient. 220 Menschen hat er zur Flucht verholfen. Er wurde damit zum Staatsfeind Nr. 1 der DDR-Regierung erhoben, übrigens von Herrn Honecker persönlich. Sagen wir es so, Wolfgang Welsch hatte sehr viel Glück, weil er drei Attentate auf seine Person überlebte. Das vierte Attentat hätte er nicht überlebt, seinen Akten zufolge hätte er keine Chance mehr gehabt, für ihn und für uns alle kam zum Glück der Fall der DDR. Ich erwähne mit Absicht nicht den Begriff Wende, weil dieser Begriff von Egon Krenz gebildet wurde. Damit war es aber nicht genug. So erschreckend es für Welsch war, in seinen Akten las es er, dass seinen Frau, mit der er Tisch und Bett teilt, auch IM war.

Wolfgang Welsch hat allen verziehen, die es Eingesehen haben, denn Hass tut ihm weh und den will er als Christ, nicht haben.

Es war zeitlich sehr begrenzt, Schuld hatte der Veranstalter, denn um 21.00 Uhr war die Alarmanlage wieder freigeschaltet. Darum holen wir Herrn Welsch noch einmal nach Hötensleben und zeigen den Film über ihn. Anschließend stellt sich Herr Welsch der Diskussion.

 

 

Foto: Foto: Melanie Specht